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Guinsaugon - Das Dorf vor der Katastrophe

 
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abstinent
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BeitragVerfasst am: Di März 14, 2006 7:40 am    Titel: Guinsaugon - Das Dorf vor der Katastrophe

Hallo, ich heisse Frank, geistere durch so manches Thai-Forum als "abstinent", nenne mich in Phil-Foren "hinigugma". Ich lebe seit ueber 7 Jahren in Thailand und reise recht viel. Manchmal erstelle ich Berichte zu meinen Reisen. Einen davon wollte ich euch nicht vorenthalten, er behandelt meinen kuerzlichen Trip in das Katastrophengebiet von Guinsaugon/St.Bernard - unmittelbar vor dem Erdrutsch. Er ist schon ein paar Tage alt, und die Medien bringen nichts mehr davon - der Nachrichtenalltag hat die fast 1000 verschuetteten Menschen aus den Headlines verdraengt.

© text & fotos 2006 abstinent
siehe quellenangabe, wenn das copyright von abbildungen nicht bei mir liegt

GUINSAUGON-KATASTROPHE

Auf meiner erst vor Tagen beendeten Philippinen-Rundreise mit Bussen, Leihmopeds und vielen Booten, lag auch das malerische Bauerndorf Guinsaugon. Bekannt wurde es weltweit quasi über Nacht durch den verheerenden Erdrutsch.
Von der Katastrophe selbst kann ich nicht viel mehr berichten, als die Medien der Welt seitdem gebracht haben. Die Rettungsarbeiten sind in vollem Gange, aber selbst Tausende von Helfern haben seit dem Freitag abend keine Überlebenden mehr bergen können.
Ein gesamter Bergrücken aus Geröll und Erde hatte sich, einem leichten Erdbeben zufolge talwärts in Bewegung gesetzt. Man spricht von mindestens 500.000 Tonnen Matsche, die sich aufgrund starker Regenfälle gelöst hatten.



Das Dorf war an einem Berghang gebaut, ebenjenem Katastrophenberg - und nun existiert dort gar nichts mehr. Alles ist von der braunen Masse zerstört, überschüttet und getötet worden.

Mein Bericht hier soll euch einen Eindruck vermitteln von der Situation im Ort unmittelbar vor dem Unglück.

photo by chinadaily.com


Zuletzt bearbeitet von abstinent am Di März 14, 2006 8:02 am, insgesamt einmal bearbeitet
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Verfasst am:     Titel: Anzeige

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abstinent
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BeitragVerfasst am: Di März 14, 2006 7:46 am    Titel:

DIE ANREISE

Leyte ist eine Insel, die von z.B. Manila nur in Etappen erreicht werden kann. Zur nördlich von Leyte gelegenen Insel Samar führt eine Brücke, welche die größte Stadt auf Leyte (Tacloban) mit der Transitstrasse in Samar verbindet.
Der Mayon-Vulkan bei Legaspi am Südende der Hauptinsel Luzon war erster Overnightstop auf meiner Reise, und die Busfahrt dorthin dauerte von Manila 16 Stunden. Der Vulkan hüllte sich in Wolken, aber nicht in Schweigen, von seinen stattlichen 2400 Metern sah ich maximal die untersten 200.



Permanenter Regen machte die Tage hier ungemuetlich. Grollen und kleine Erdstöße gab es rund um die Uhr, recht bedrohlich und ungewohnt für einen Fremden. Weiter ging es per Jeepney nach Matnog, der Fährenanlegestelle für den Kahn hinüber nach Samar. 8 Stunden warten war hier angesagt, denn der Seelenverkäufer schippert nur wenn er pickepacke voll ist - ich Idiot war um 5 Uhr in Legaspi aufgestanden, um eine frühe Fähre zu erhaschen...



Pech gehabt. Irgendwann am späten Nachmittag schipperte die Rostdschunke dann los, und ich kam in der Abenddämmerung in Allen auf Samar an. Hier war guter Rat teuer, denn Jeepneys oder gar Busse gab es nicht mehr - dafür aber so um die 500 Fährenpassagiere, die alle gerne weiterwollten.
Eine Lösung bot sich in Form eines Kleinbusses an, der seine Minisitzbänke solchermassen vollquetschte, daß die Schiebetüre nur noch mit 2 Mann von außen zu schließen war. Fahrpreis nach Tacloban in Leyte waren utopische 500 Peso, dafür versprach der Fahrer die 180 Km auch in 6 Stunden zurückzulegen. Ich zögerte jedenfalls nicht lange, denn so etwas wie Übernachtungsmöglichkeiten gibt es hier schon 'mal gar nicht. Was zwischen dem Start in Nordsamar (Allen) und der Brücke im Süden hinüber nach Leyte so alles passierte, das ist alleine 2 bis 3 Reports wert - aber ich will ja nicht zu weit ausschweifen und nur die Tortur der Anfahrt richtig wiedergeben. Die Strasse war wohl seit der Befreiung der Phillies von den Japanern in den 40er Jahren nie mehr nachgebessert worden - in ganz Asien kenne ich nur noch die Piste von Poipet nach Siem Reap in Cambodia als ähnlich brutale Strecke. Ich saß glücklicherweise vorne neben dem Fahrer, und schon die Sicht nach draußen garantierte einmal mehr, das wieder wirklich kein Auge zugetan werden konnte.
Ankunft in Tacloban/Leyte also nach Mitternacht.
Hier in Tacloban hatte General MacArthur seinen Freiheitsfeldzug gegen die Japaner mit einer massiven Gegeninvasion gestartet - den Beach musste ich natürlich besichtigen. 2 Tage wildes Crosscountrybiking stand dann auf dem Programm, und das machte in Leyte sehr viel Spaß. Die 200er Hondas machten nie schlapp, und dann ging es auf die letzte Etappe in Richtung Süden. Bis zur Provinzstadt St. Bernard fuhr ein Bus, wie ich dank mühevoller Herumfragerei ausfindig machen konnte.
5 qualvolle Stunden Country Road für nur 95 Peso - Da lache ich doch über die Sesselpupertouristen, die für ein Pseudoabenteuerritt auf einer computergesteuerten Animationsanlage in einem Vergnügungspark ein mehrfaches Entgelt für einen 5 minütigen Ritt berappen.

St. Bernard - eine kleine Provinzstadt... mit Tankstelle, Busbahnhof und einer kleinen Bankfiliale - aber ohne Arzt oder Krankenhaus. Egal, hier gab es den kuriosesten Bus, den ich jemals irgendwo gesehen hatte - und der fuhr bis exakt nach Guinsaugon, meinem heutigen Ziel.




Noch schnell ein paar zusaetzliche Dosen Kekse als Mitbringsel (sowas heißt hier Pasalubong) für die Sippe meiner einheimischen Freunde geshoppt. Ein paar Stündchen Warterei muss immer einkalkuliert werden, denn Busse fahren hier nur dann ab, wenn es sich für den Fahrer und Kontrolleur auch wirklich lohnt.


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BeitragVerfasst am: Di März 14, 2006 7:57 am    Titel:

DIE LETZTE ETAPPE

Die Rostlaube von Bus wog bestimmt etliche Tonnen, denn an allen sichtbaren Stresspunkten der Karosse waren Moniereisen in lustiger Puzzlearbeit eingefuegt worden.



Im Innenbereich fuer Passagiere gab es zwei Holzpritschen und glaslose Permanentfenster an den Seiten. Der Bodenbelag, sofern noch existent wies erhebliche Abnutzungsspuren auf, und durch die Loecher in selbigem konnte man das Spiel der Kardangelenke nett betrachten, auch gab der Einblick auf die Fahrbahn durch den Wagenboden Aufschluss ueber die miese Beschaffenheit der Piste.



Ein Busdach aus Blechstuecken und rostigen Metallstreifen wurde von einer hochglanzpolierten Chromstange in entsprechender Hoehe gehalten, bei jeder Bodenwelle aechzte die Karosse gewaltig, und die schabenden Bleche erzeugten eine urige Geraeuschkulisse.
Dieser Bus verkehrt nur sehr unregelmaessig, wie man mir mitteilte und nur das oben auf dem Dach befestigte Wellblech- und Kistencargo fuer Guinsaugon (Bestellung eines Bauherrn dort) ueberredete den Driver mit halbleerem Bus loszustochen.

Ich sass zunaechst ganz hinten (Raucherplatz!), befleissigte mich dann aber auf einen etwas erschuetterungsfreien Sitz direkt hinter dem Fahrer - denn Fotos konnte man bei der Schaukelei hinten gar nicht machen.

Der Blick nach vorne war cool, sofern die hin- und herbammelnden Troeddelchen an der Scheibe und die Risse im Glas das ermoeglichten. Mein Buckel schmerzte noch von der letzten Busreise von Tacloban nach St.Bernard, aber die kuerzer werdende Entfernung zum Ziel liess mich die Zaehne zusammenbeissen. Die schwangere Lady im Bus scherzte mit einer aelteren Dorfbewohnerin, und ich erkannte an einigen Vokabeln - dass ich der Gegenstand dieser Scherze bin.
Mit "Kano" bezeichnet man in den Visayas einen Fremden, Kurzform fuer "Amerikano".



Eine Behelfsbruecke voraus sah wenig vertrauenswuerdig aus, und ich hielt mich an irgendwelchen Karosserieteilen fest.



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BeitragVerfasst am: Di März 14, 2006 7:59 am    Titel:

Die Piste ist komplett unbefestigt. Leyte ist eine arme Insel. Reis- und Kokosnussfarming sowie etwas Fischerei an den Kuesten. Die Familien leben in Clans zusammen, meist in sogenannten Barangays. Asphalt gab es nur fuer die wichtigsten Transitrouten. Die Grobkiespiste stellt hier die Hauptstrasse dar.



Vorbei geht die Fahrt an wirklich malerischen Reisfeldern und Kokosplatagen, lattenumzaeunte Holzhaeuschen am Strassenrand oder unweit davon sieht man staendig. Ueberall lachende Kinder, die ihr sorgloses Spiel unterbrechen, und dem Bus und seinen Insassen zuwinken. Laute Rufe "Kano" oder "Hey Joe" vernehme ich, sobald die Zwerge erkennen, dass sich mit mir ein Ortsfremder im Bus befindet. Oft rennen die Kleinen dem Bus eine Strecke nach - barfuss auf dem Grobkies!

Dann ein Szenenwechsel, wir naehern uns Guinsaugon. Kokosfarmer gehen am Strassenrand in kuemmerlich wirkenden Huetten ihrem Gewerbe nach:



Die Piste wird fast unbefahrbar schlammig, je naeher sich das Vehikel dem Endpunkt der Strecke naehert:



Es scheint die Sonne, und ich bin trotz aller Widrigkeiten guter Dinge - in wenigen Minuten treffe ich meine Bekannten und Freunde in Guinsaugon, darauf freute ich mich schon sehr.
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BeitragVerfasst am: Di März 14, 2006 8:09 am    Titel:

Der Klapperbus rollt in den Ort!
Erstmals seit Verlassen der Ortschaft St. Bernard kuessen die abgefahrenen Reifen eine Betonfahrbahn.
Die seltsame Architektur der Wohnhaeuser hier erklaert sich einfach: jedesmal, wenn die jeweilige Familie zuwachs bekommt - dann wird an den existierenden Verschlag halt noch ein Raum angebaut



Am Stop warten bereits etliche auf den Bus, man lacht und ist froehlich - ich fuehlte mich augenblicklich sehr wohl.



Esteban Arbiol jr., mein Dirtbikescout empfaengt mich mit seiner ganzen Familie, Esteban sr., Mutter Letecia und einer ganzen Schar von Kindern, welche ich zunaechst nicht zuordnen konnte.

Ich werde vorgestellt und ueberreiche die mitgebrachten Pasalubongs (Keksgeschenke). Grosses Jauchzen bei den Kleinen. Esteban senior bittet mich in sein Haus. Es ist geraeumig und relativ sauber und aufgeraeumt dort. Sein Englisch ist duerftig, aber der Junior uebersetzt wieselflink in die hiesige Sprache Visayas.

Hier der Junior:


Das ist der Senior:



Mutter Letecia uebernimmt gerne die Rolle der Keksverteilerin, und in ihrem Mini Sari-Sari-Store (so etwas wie ein Mikro-Tante-Emmaladen) steht sie folglich am Schalter und gibt beidhaendig die Praesentkekse an Jeden, der sich dafuer interessiert. Ich habe 2 grosse Kanister von diesen Pasalubongs aus Tacloban hierhergeschleppt, und das erwies sich gerde 'mal als ausreichend. Die ausserdem noch in St.Bernard eingekauften Dosen mit Gebaeck werden im Hinterzimmer versteckt.





Der kleine Lausbub mit dem roten Traegerhemdchen heisst Kevin Arbiol, er ist mir besonders ans Herz gewachsen, denn er ist pfiffig und begabt.
Er ist einer der 4 Enkel von Esteban sr.

Gemeinsam mit seinem kleinen Bruder Kim Yolan ist er immer vor der Kamera, und mir gelingen ein paar Schnappschuesse.



Im Hintergrund erkennt ihr die Wand der Schlagwetterseite des Hauses. Bambussegmente angenagelt, mit alten Kartons und Plastikreklamefolien dichtgemacht. Nicht nur die Kleidung aller Kids ist hier auffaellig sauber, Reinlichkeit und Hygiene spielen auch in abgelegenen Doerfern eine grosse Rolle auf den Philippinen!
Meine Schlafstelle fuer die Nacht wird mir zugewiesen, ein ordentliches gezimmertes Bett mit Mosquitonetz rundherum - da stoert es mich dann auch nicht, dass zwischen den Aussenwaenden aus Bambussplinten riesige Abstaende bestehen. Recht luftige Konstruktion, so ein Haus in den phillipinischen Bauerndoerfern.

Waehrend Junior unsere Bikes praepariert, schnappe ich mir die Zwerge und erfuelle denen einen Wunsch.
Nichts leichter als das, man will mich den Klassenkameraden, Nachbarn und Freunden vorstellen.

Mit je einem Buben an der Hand geht es also per Pedes durchs Dorf. Ueberall freundliche Leute, lachende Kinder:

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BeitragVerfasst am: Di März 14, 2006 8:29 am    Titel:

Ich moechte euch noch vom Ort erzaehlen, und seinen Einwohnern. Es war wirklich schoen dort, sehr idyllisch und ruhig. Ueberall waren spielende Kinder und fleissige Hausfrauen. Die Maenner trafen sich abends bei Esteban, Mario oder in der Barangayhall zum Plausch. Man hatte nun eine stabile Stromversorgung bekommen, und die haeufigen Brownouts (=voruebergehender Stromausfall) der Vergangenheit stellten kein Problem mehr dar.
Das hier ist Juan Arbiol's ganzer Stolz, damit verdient er seinem Teil der Sippe das taegliche Brot:



Ein Schulbus ist das, Taxi, Krankentransporter und Vehikel fuer seltene Grosseinkaufe in St. Bernard!

Fast alle bewirtschafteten seit Generationen kleine Kokosplantagen am Can-Abag Berghang, dem verhaengnisvollen Berg im Ruecken der Stadt. Abgeholzt hatte man dort vielleicht einmal vor 150 Jahren - aber das Ganze war stabil solange man zurueckdenken konnte. Die Schule des Ortes war direkt dort, wo der Ort an den Berg grenzte. 40 Jahre lang wurden dort den Kids des Ortes Grundschulwissen verabreicht.
Esteban war der Dorfschreiner in Guinsaugon. Seinen 4 Kindern hat er nach der obligatorischen Schulausbildung eine Highschool verschafft.
Die Opfer dafuer hat er gerne gebracht, und er ist sehr stolz auf seine Schar. Ueblicherweise haben Familien auf dem Land oft 8 oder noch mehr Kinder, aber Esteban und Letecia wussten, dass sie mit ihrem bescheidenen Auskommen den Vieren etwas bieten konnten - was nicht zwingend auf dem Lande hier ueblich ist, viermal Nachwuchs reichte ihnen. Letecia posiert hier mit meiner Sonnenbrille:



Esteban Junior's Traum war es, einmal Auto- oder Motorradmechaniker zu werden. Discos, Drogen oder Nightlife gab es in Guinsaugon nicht - eine einfache Karaokebude diente den Einwohnern an Wochenenden zum Entertainment. Fast jeder hatte fuer den Eigenbedarf ein kleines Reisfeld bewirtschaftet. Letecia kredenzte mir einen selbstgemachten Kokoswein, den man hier Toba nennt. Sah aus wie Rotwein, schmeckte wirklich nicht schlecht. Man bewirtete mich mit einem leckeren Reisgericht, und ich ass mit dem ganzen Familienclan. Mitgebrachte Schokoladenvorraete und Suessigkeiten gingen zur Neige, denn die Kids hatten auch viele Freunde. Die unbefestigte Strasse vor dem Haus sah am anderen Morgen aus wie nach einem Schneefall, so viele Stanniolpapierchen der Schokokugeln waren am Boden verstreut. Nach dem Essen ging man zum gemuetlichen Teil ueber, und man stellte mir viele Fragen. Wie das Leben denn so in Thailand sei, und wo ich schon ueberall gewesen bin. Ich holte daraufhin meinen alten Reiselaptop aus dem Backpack und hatte dort ein paar Pics von frueheren Trips. Wat Phra Keouw in Bangkok faszinierte sie alle, Angkor Wat und die Beaches in Cambodia, Elefanten kannten sie nur aus dem Fernsehen. Leider hatte ich keine Picture-CDs mitgebracht, aber die kleine Diashow von der Festplatte des Laptops fesselte die Einwohner sehr.
Der Aufenthaltsraum fuellte sich zusehends, und bald gab es keinen freien Platz mehr.
Dieses (von Kevin gemachte) Foto zeigt links Mario, den aeltesten Bruder Estebans (Englischlehrer Elementaryschool), mich in der Mitte und rechts Esteban sr.:



Fuer Esteban senior hatte ich einen Schwingschleifer mitgebracht, der bei mir nur noch im Keller herumgelegen hatte. Den Stecker hatte ich ihm noch auf das hier gaengige Stromsystem umgestrickt, und er fuehrte mir stolz seine anderen Werkzeuge vor. Neben einem umfangreichen Arsenal an Handwerkzeug hatte er eine Kreissaege und eine Stichsaege. Von der Farbe an den Geraetegehaeusen war nicht mehr viel zu erkennen, aber sie waren gut gewartet und funktionierten bestens. Jeder im Ort bestellte ihn zu sich, wenn es etwas zu bauen oder zu reparieren galt. Am 17. Februar war er gluecklicherweise gerade im Nachbardorf, um dort einen Dachstuhl auszubessern.
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BeitragVerfasst am: Di März 14, 2006 8:53 am    Titel:

Dieser umgebaute Kleinlaster ist die Alternative zu der Rostlaube, mit der ich herkam. Der Eigentümer ist u.a. der Hauptsponsor seiner Kirchengemeinde und ein sehr frommer Mann, R.J. ist recht beliebt im ganzen Dorf.



Überhaupt sind hier viele auffällig christlich, was ansonsten in Asien eher selten ist. Die jahrhundertelange Versklavung der Filipinos durch die Spanier hat überall deutliche Spuren hinterlassen. Es gibt hier in Guinsaugon gleich mehrere Kirchen.

So wie das Gefährt auf obigem Foto beladen ist, so fuhr es in den Ort hinein. Dachlasten in den Philippinen müssen nicht immer nur aus Gütern bestehen!

Kinderreich sind hier offensichtlich viele Familien, und die Kleinen haben Spass an dem "Kano" - denn es hatte sich wohl herumgesprochen, daß der nicht beißt:



Die erste Nacht im Hause Estebans war etwas ungewohnt - Schöpfkellenduscherei ist wahrhaft kein Neuland für mich, aber hier gab es keine Türe - die man hätte schliessen können. Ich bekam eine Art Wickelrock, so wie ihn die anderen Familienmitglieder auch benutzten, und sollte vorgehen.
Hmmmmm.......
Ich wollte mir das lieber erst einmal bei den anderen anschauen - und gab vor noch eine Zigarette rauchen zu wollen. Der Küchenbereich, in dem auch geduscht wurde - war vom Wohnraum nur durch eine halbhohe Mauer getrennt, eine Tür gab es nicht. Eine Toilette gab es auch, die hatte aber eine Tür und somit den benötigten Sichtschutz.
Die Mitglieder der Familie duschten einer nach dem anderen, und behielten ihre Umhänge dabei an. Der kletschnasse Duschumhang wurde dann gegen einen trockenen Ausgetauscht, der auch als Nachtgewand diente.
Lange lag ich noch wach und dachte über das Erlebte nach. Eine glückliche und gesunde Familie war das, bitterarm nach westlichen Gesichtspunkten - aber zufrieden und sehr gastfreundlich. Im Kopf machte ich mir Notizen, was ich bei meinem nächsten Besuch alles mitbringen sollte.
Ich schlief tief und fest, und erst mit dem Duft heissen Kaffees in der Nase wurde ich nach einer angenehmen Nachtruhe dann am frühen Morgen wach.
Heute waren Testfahrten angesagt, und gemeinsam mit Esteban junior und einem seiner Freunde ging es auf den Dirtbikes den Fluß entlang in Richtung Norden, dorthin - wo sein Vater eine kleine Kokosplantage mit ca. 100 Bäumen hatte.
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BeitragVerfasst am: Di März 14, 2006 9:25 am    Titel:

Langanhaltende Regenfaelle tropischen Ausmasses setzten dann in der ganzen Region Leyte ein. Wetterkundler machen das "La Nina"-Phaenomen dafuer verantwortlich. Voellig saisonuntypische Niederschlaege, viele Tage lang. Obwohl man mich als eher "wetterfesten" Typen bezeichnet, sehnte ich mich doch nach Sonne und trockenen Fuessen.
Mich vertrieb der Regen dort, und ich machte mich auf den Weg ueber Hilongos nach Cebu. Dort, nur einen Katzensprung weiter westlich - da schien die Sonne. Noch ein Stopover auf meiner Lieblingsinsel Mondoro, und dann ging es fuer mich ueber Macau wieder in mein heimatliches Thailand.

Nach Guinsaugon wollte ich unbedingt wieder einmal zurueck, denn die Landschaft und vor allem die Leute dort haben mich fasziniert.
Wie eine Keule traf mich dann die Nachrichtenmeldung, das eine Erdlawine ebenjenes Dorf komplett verschuettet haben soll. Zahllose Versuche folgten, die Freunde und Bekannten zu erreichen.
Das Provincial Government in Maasin war die einzige Stelle, in der ich jemanden erreichen konnte - und die Nachrichten waren schockierend!

All diese Leute sollten unter Schlammmassen begraben sein? All diese wunderbaren Kinder, mit denen ich vor Tagen noch spielte?
Der Leser hier wird sich nur schlecht in meine Situation versetzen koennen. Der Zufall wollte es, das ich wohl der letzte vor Ort war, der Fotos von Gebaeuden und Personen gemacht hatte.
In stundenlanger Kleinarbeit wurden Digitalfotos aufgearbeitet und den Rettungsteams vor Ort zur Verfuegung gestellt. Esteban senior hatte ueberlebt, und gemeinsam mit im Ausland lebenden Familienangehoerigen konnten wir den Gesichtern auf den Fotos Namen zuordnen.
Nein, ich habe sicherlich keinen wesentlichen Beitrag dort vor Ort leisten koennen, aber ich habe probiert alles in meinen Moeglichkeiten stehende zu versuchen, den Rettungsteams zu helfen so gut es ging.

Die erste Suche der Mannschaften im Einsatzgebiet konzentrierte sich auf das Auffinden von Gebaeuden unter dem Schlamm. Zufaellig vor der Schule gemachte Fotos zeigten Details des geschmiedeten Zaunes der Umfriedung, andere zeigten die Beschaffenheit und Struktur des Daches der Barangayhall. Skizzen wurden gemacht und umgehend ge-emailt.
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BeitragVerfasst am: Di März 14, 2006 10:52 am    Titel:

Die traurige Zwischenbilanz der offiziellen Liste:

Missing-Personlist, meine Gastfamilie betreffend:
(angegebene Verwandschaftsgrade bezogen auf Esteban Arbiol sr. - derzeit einer der wenigen Ueberlebenden)

Zitat:
28. Arbiol, Alma 40 Female Mother (Schwaegerin)
29. Arbiol, Aresteo 23 Male Child (Sohn des Bruders Mario)
30. Arbiol, Arlando 8 Male Child (Sohn des Bruders Mario)
31. Arbiol, Christina 10 Female Child
32. Arbiol, Enrica 16 Female Child (Tochter vom Bruder Rolando)
33. Arbiol, Ervin John 3 Male Relative (Sohn von Nichte Jinky)
34. Arbiol, Esteban Jr. 19 Male (Einziger Sohn von Esteban)
35. Arbiol, Jestoni 9 Male Child
36. Arbiol, Jordan 20 Male Child (Sohn vom Bruder Juan)
37. Arbiol, Juan 45 Male Father (Bruder)
38. Arbiol, Letecia 42 Female Mother (Ehefrau)
39. Arbiol, Maria Elsa 58 Female Mother (Schwaegerin)
40. Arbiol, Mario 60 Male Father (Aeltester Bruder)
41. Arbiol, Rolando 58 Male Father (Bruder)
42. Arbiol, Teresita 46 Female Mother (Schwaegerin)
255. Coquilla, Alberto, Jr. 15 Male Relative
256. Coquilla, Analyn 24 Female Mother
257. Coquilla, Andrew 16 Male Child
258. Coquilla, Anecita 32 Female Mother
259. Coquilla, Armilinda 54 Female Mother
260. Coquilla, Cristal 16 Female Child
261. Coquilla, Dianme 11 Female Child
262. Coquilla, Dolores 19 Female Child
263. Coquilla, Elvy 12 Female Child
264. Coquilla, Gaviosa 71 Female Mother
265. Coquilla, Genaida 39 Female Child
266. Coquilla, Glenn 8 Male Child
267. Coquilla, Jad Lester 2 Male Child
268. Coquilla, Jeffrey 7 Male Child
269. Coquilla, Jeffrey 16 Male Child
270. Coquilla, Jeneses 16 Male Child
271. Coquilla, Jenmey 0 Male Child
272. Coquilla, Jeralda 60 Female Mother
273. Coquilla, Jeraldine 0 Female Relative
274. Coquilla, Joan 23 Female Child
275. Coquilla, Joshua 13 Male Child
276. Coquilla, Justin Ann 3 Male Child
277. Coquilla, Kem Yollan 3 Male Child (3.Enkel von Esteban)
278. Coquilla, Kenneth 9 Male Child (1.Enkel von Esteban)
279. Coquilla, Kevin 7 Male Child (2. Enkel von Esteban)
280. Coquilla, Kian Jane 4 MOS Female (4.Enkel von Esteban)
281. Coquilla, Lendie 14 Male Child
282. Coquilla, Lucia 56 Female Mother
283. Coquilla, Marbert 8 Male Child
284. Coquilla, Mario 20 Male Child
285. Coquilla, Marissa 31 Female Mother
286. Coquilla, Marlene 39 Female Mother
287. Coquilla, Marlon 18 Male Child
288. Coquilla, Melanie 24 Female Mother (Tochter von Esteban)
289. Coquilla, Mereninia 11 Female Child
290. Coquilla, Nino 6 Male Child
291. Coquilla, Pedro, Jr. 31 Male Father
292. Coquilla, Rene 24 Male Child
293. Coquilla, Rosita 57 Female Mother
294. Coquilla, Sharen Ann 4 Female Child
295. Coquilla, Teddie 43 Male Father
296. Coquilla, Trinidad 39 Female Mother
297. Coquilla, Victorica 48 Female Mother


Soweit Auszuege der Listen, bitte betet zu eurem Gott, Buddha oder wem auch immer fuer die Seelen der Verschuetteten
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BeitragVerfasst am: Di März 14, 2006 11:52 am    Titel:

p.s. das links ist Melanie, "Nummer 288":



rechts, das ist die Mutter von ihr, "Nummer 38"

Melanie ist die aelteste Tochter von Esteban sr., stolze Mutter von 3 prachtvollen Jungen (Nummern 277, 278, 279) und einem suessen Fratz, der 4 Monate alten Keian Jane (Nummer 280)

das hier ist das suesse Baby:



....... ich erinnere mich noch zu gut an das Laecheln des Babys auf meinem Arm.
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