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Berge statt Ballermann

 
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dewqasy
Gast





BeitragVerfasst am: Sa Jul 10, 2004 10:56 am    Titel: Berge statt Ballermann

Aus der "NeuePresse", Hannover (10. Juli 2004)

Berge statt Ballermann

Mallorca hat viele beschauliche Seiten – besonders für Wanderer. Gabriele Schulte hat sich ausgewählte Schönheiten angesehen.


Kein Ballermann weit und breit. In großer Ruhe lässt es sich spazieren zwischen Klatschmohnwiesen und Olivengärten bei der Kleinstadt Campanet auf Mallorca, nur 18 Kilometer von der Küste entfernt. Das Läuten der Schafglocken und das Rascheln von Eidechsen, die in die Ritzen der Trockenmauern huschen, durchbrechen die Stille nicht. Sie untermalen sie nur. Doch wie aus dem Nichts erscheinen auf einem Feldweg die Massen.
Hunderte von Männern, Frauen und Kindern stapfen plaudernd hinauf zum Wäldchen San Miguel am Fuß des Tramuntana-Gebirges, andere kommen ihnen ebenso fröhlich entgegen. Nicht Touristen sind es, sondern Mallorquiner beim Sonntagsausflug. Dass so plötzlich Menschen auftauchen, ob zu Fuß, im Bus oder per Mietwagen, damit ist zu rechnen auch beim Landhotel- oder Finca-Urlaub im „anderen“, dem ländlichen Mallorca.
Die Insel lebt zu 90 Prozent vom Fremdenverkehr, die Landwirtschaft ist Kulisse. Der Schönheit des trotz Besucherrückgangs immer noch beliebtesten Flugziels der Deutschen tut das keinen Abbruch. Die Begegnung an diesem Sonntag hat gar etwas Folkloristisches.
„Ist das Wasser noch da?“, fragt ein alter Mann im mallorquinischen Dialekt. „Nichts mehr“, antwortet ein anderer, der einen Pinscher auf den Armen trägt. Tatsächlich sind die kleinen Fontänen, die an zwei Tagen nach starkem Regen in diesem Wald aus der Erde schießen und von denen die Inselzeitung am Vortag berichtet hat, schon nicht mehr zu sehen. Doch die Ausflügler pilgern unbeirrt weiter hinauf, rasten oben am ausgetrockneten Bachbett und picknicken unter wilden Ölbäumen, die die Sonne in kleinen Dosen bis auf den Waldboden durchlassen. Auf dem Rückweg werfen manche noch einen Blick in die Kapelle San Miguel am Fuße des Berges. Das schlichte Gotteshaus von 1229 ist eines der ältesten auf der Insel.
Die Tropfsteinhöhlen von Campanet, nur wenige hundert Meter entfernt, lassen die Einheimischen an diesem Sonntag links liegen. Einige Touristen haben den Weg dorthin gefunden. Erst 1945 hat ein Schäfer den 600 Meter langen Höhlenverbund entdeckt. Die unterirdischen Hallen sind deutlich kleiner als die an der Ostküste. Im Gegensatz zu jenen bieten sie weder Boote noch Geigenuntermalung. Dafür sind sie nicht so überlaufen. Sie haben etwas wohl Einmaliges zu bieten: zwei vier Meter lange Säulen mit einem Durchmesser von nur vier Millimetern. Nach der Tour empfiehlt sich ein Abstecher in den Ort mit seinen hellen Sandsteinhäusern, die mit ihren dunkelbraunen Holztüren und grünen Fensterläden ihren ursprünglichen Charakter erhalten haben.
Noch stiller geht es in Orient zu. „An manchen Tagen macht mich die Ruhe verrückt“, sagt Marc Colom-Piza. Der 25-Jährige hat nach einem Studium der Betriebswirtschaft gerade das Acht-Zimmer-Hotel seiner Eltern in dem Dorf mit dem morgenländischen Namen übernommen – es liegt eine halbe serpentinenreiche Autostunde von der Hauptstadt Palma entfernt und zählt nur sechs Einwohner mit Erstwohnsitz. „Son Palou“ war vorher das Landgut von Marcs Eltern. Über die Ruhe zwischen Bergwäldern und Apfelplantagen freuen sich jetzt die Touristen.
„150 Hektar Orient gehören uns“, erzählt der junge Geschäftsmann und lacht. Stolz zeigt er den Pool und führt die Besucher den einfachsten der von ihm selbst ausgearbeiteten Wanderwege entlang. Zu Wasserfällen und durch Steineichenwälder führen sie, zum Gipfel L’Ofre (1090 Meter) und zur Festung von Alaro. Richtig lebhaft wird Orient nur an den Wochenenden, wenn die Leute aus Palma in die wenigen Restaurants strömen.
Wer es lebendiger und doch mallorquinisch mag, ist in Soller besser aufgehoben. Der 10 000-Einwohner-Ort im Norden, der dank geschützter Lage im Tal zum duftenden Anbaugebiet für Orangen wurde, eignet sich gut als Ausgangspunkt für Wanderungen und Ausflüge ins schroffe Tramuntana-Gebirge. Bekannte Ziele in der Nähe, wie Deia, Valdemossa und das Kloster Lluc, sind zwar vor allem in der Hochsaison oft überlaufen. Auch im preisgekrönten Treppengassendorf Fornalutx und seinem kleineren Nachbarn Biniaraix, beide nur wenige Kilometer von Soller entfernt, sind Reisende in den Cafés oft unter sich. Doch hübsch anzusehen sind all diese Orte trotzdem. Und wer sich zu einer Wanderung zum kleinen Kieselstrand Cala Tuent aufmacht, hat die meiste Zeit nur die beeindruckende Felslandschaft um sich – immer wieder mit Ausblick aufs Meer.
Von Soller sind es drei Kilometer zum Hafen Port de Soller. Die Fahrt dorthin mit der offenen Straßenbahn, die auch Pendler nutzen, ist ein Erlebnis. Jede halbe bis volle Stunde, je nach Jahres- und Tageszeit, ruckelt und rattert das aus San Francisco importierte Gefährt von 1914 hinter den Gassen an Gärten entlang. Problemlos ließen sich während der Fahrt Zitronen, Apfelsinen und Feigen pflücken.
Wer mit dem Mietwagen unterwegs ist, wie die meisten Reisenden im „anderen“ Mallorca, kann sich in Santa Maria del Cami über eine weitere mallorquinische Tradition informieren: die Verarbeitung inseltypischer Rebsorten zu Wein. Das Familienerbe des Weinguts Macia Batle drohte bereits in Vergessenheit zu geraten. Doch vor acht Jahren stieg Ramon Servaus-Batle wieder ins Weingeschäft ein, das schon sein Urgroßvater betrieben hatte.
Der gelernte Geschichtslehrer war zuvor PR-Chef beim Fußballclub RCD Mallorca. „Das hier ist nicht so sicher wie sonst das Tourismus-Geschäft“, sagt der 42-Jährige zwischen den Holzfässern, in denen seine edlen Tropfen reifen. „Es war fast revolutionär, zum längst als unrentabel geltenden Weinbau zurückzukehren.“
Vom ruhigen Weinkeller zu den lautstark feiernden Biertrinkern am Ballermannstrand sind es kaum 20 Kilometer. Doch dazwischen liegen Welten.
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